WAS IST ARBEIT? November 2022

Ich glaube ich schreibe auch, weil ich das Gefühl habe man weiß gar nicht so genau wie man sich das Leben einer Künstlerin so vorstellen soll. Die macht halt den ganzen Tag irgendwas, vielleicht mit ein paar Farben, hängt halt in ihrem Atelier ab, trinkt Cafe und so.

Aber mit Arbeit hat das nun ja wirklich nichts zu tun. Wenn ich dann mal ein Bild verkaufe um € 7.000,- dann muss ich selber kurz darüber nachdenken, wem ich das erzähle, der mir nicht keck antwortet na das ist ja mal eine Summe, und ich mich dann selber wundere, wie das geht dass ich tatsächlich für so ein Bild soviel Geld bekomme.

Naja also wie kommt man nun zu Geld in der Kunst und was hat das alles mit Arbeit zu tun? Wie ich vor ein paar Jahren zu dem Begriff der ‚unbezahlten Arbeit‘ gekommen bin, war dann plötzlich das Gefühl, na Moment, ich mach aber ganz schön viel was darunter fällt.

Also dass der ganze Haushalt, sprich einkaufen gehen, kochen, Wäsche machen, sauber machen, die Organisation der Kinder, wann geht welches Kind zu welchem Kurs/Training/Freundin wie kommen sie dann wieder nach Hause, bis zu Geburtstage organisieren, Geschenke ordern, für die Schule lernen, Schulzeug einkaufen, sich mit jedem Kind hinsetzen und Redezeit haben, Streit schlichten, Familienstimmung immer im Blick haben, psychologische Unterstützung suchen/finden/durchführen, Omas anrufen, und so weiter – das alles ist UNBEZAHLTE ARBEIT – ah echt Arbeit???? – na das muss man ja sowieso machen, oder nicht, das gehört ja einfach dazu, das macht ja jeder, oder nein JEDE. All diese Dinge zu erledigen braucht zwar ganz schön viel Zeit, aber dass das unter Arbeit fällt wurde mir erst bewusst, nachdem ich so erschöpft war und ich mir dachte – SO ich schaffe das nicht mehr, wie machen das denn die anderen? Also die anderen Frauen? Ich habe ja schließlich nicht nur diese UNBEZAHLTE ARBEIT zu erledigen, sondern meinen 1:1 bezahlten Job, das Unterrichten, und dann meinen Job die Kunst, also die Malerei.

Ich fing also an Freundinnen genauer zu befragen, nicht dass ich das nicht schon tat, aber als es plötzlich in dieser Intensität kam wusste ich, ich muss was ändern, und zwar schnell sonst lande ich im Burn Out.

Und siehe da, alle meine Freundinnen hatten unterm Strich die gleichen Themen, es geht sich einfach alles hinten und vorne nicht aus. Eine intakte Beziehung führen, Kinder zu erziehen/betreuen/begleiten, sich um sich selber kümmern sprich ausreichend Sport machen, immer gesunde Ernährung zu sich nehmen, in Therapie gehen, Freundinnen treffen – und ich rede hier nicht von Faulenzen sondern Optimieren. Dann diese verschiedenen Arbeiten. Naja und Gesellschaft gibt es ja auch noch, wie könnte man sich ins Ortsgeschehen einbringen?

Fazit: der Tag ist nicht lang genug.

Gut, also alle Frauen in meinem Umfeld wissen, wovon ich rede, manche kriegen es natürlich besser hin, manche Bereiche davon weniger gut. ABER alle sind ganz schön gefordert, besser gesagt überfordert, überlastet und extrem erschöpft.  Das gibt mir kurzerhand das Gefühl okay, ich bin nicht alleine die daran echt an die Grenzen stößt, wir machen das alle ja eh ziemlich gut, versuchen alles zu verbessern, zu optimieren – das heißt es kann also nicht nur an mir liegen, warum ich das nicht hinkrieg, obwohl ich wirklich absolut organisiert/zielstrebig/erhrgeizig/diszipliniert/motiviert/positiv bin.

Aber wenn es also nicht an mir liegt, wo ist da der Wurm drin. Meinen Mann versuche ich da hinzuführen, wo ich mich da gefühlsmäßig bewege, versuche zu erklären, einzufordern, Pläne zu schmieden, was kann wie geändert werden, so kann es nicht weitergehen. In manchen Punkten kommen wir zu Ergebnissen, zeigt er Verständnis, in anderen reden wir aneinander vorbei – „Du wolltest das ja alles so, wir hätten ja auch alles anders machen können, können wir immer noch!“

Ich beginne also zu recherchieren, kaufe mir feministische Bücher, oh da gibt es ja ganz schön viele die sich mit Themen befassen, die ich ur spannend finde und über die ich noch nichts gehört habe. UND weil es mich tatsächlich jetzt interessiert welche und wieviele ich in letzter Zeit gelesen habe liste ich sie hier nochmal auf:

  • ‚alles über liebe‘, bell hooks
  • ‚Das Unwohlsein der modernen Mutter‘, Mareice Kaiser
  • ‚Wut und Böse‘, Ciani-Sophia Hoeder
  • ‚Das Paradies ist weiblich‘, Tanja Raich
  • ‚Die Erschöpfung der Frauen‘, Franziska Schutzbach
  • ‚Laut und selbstbestimmt‘, Sandra Jungmann
  • ‚Manifesto‘, Bernadine Evaristo
  • ‚Die Zukunft der Aussenpolitik ist feministisch‘, Kristina Lunz
  • ‚Zusammenkunft‘, Natasha Brown
  • ‚Weiblicher Narzismuss‘, Bärbel Wardetzki
  • ‚Das andere Geschlecht‘, Simone du Beauvoir
  • ‚Sprache und Sein‘, Kübra Gümüsay
  • ‚Was wir Frauen wollen‘, Isabel Allende
  • ‚Unsichtbare Frauen‘, Caroline Criado-Perez
  • ‚Die letzten Tage des Patriarchats‘, Margarete Stokowski
  • ‚Das Patriarchat der Dinge‘, Rebekka Endler
  • ‚In besserer Gesellschaft‘, Laura Wiesböck
  • ‚Radikale Selbstfürsorge‘, Svenja Gräven
  • ‚Ich denk ich denk zu viel‘, Nina Kunz
  • ‚Feminist City‘, Leslie Kern

UND dann wird mir einiges klar. OH das PATRIACHAT. Naja gehört habe ich davon schon, aber was hat das mit mir zu tun. Ich habe mich aus meinem Milieu herausgewurschtelt, ja leicht wars nicht, aber wer hats schon leicht. Habe Matura gemacht, auch wenn in einer Schule die wirklich nichts mit meinen Interessen zu tun hatte, hab ein Lehramtstudium gemacht, mir so dann das Diplom Studium Malerei und Grafik finanziert. Denn eins war mir ganz früh in meinen Jugendjahren klar, mach dich niemals abhängig von einem Mann. Meine Familie hats mir ganz klar und deutlich vorgelebt.

Na und dann steh ich also da mit meinen 2 Studienabschlüssen, einen Job, einer Idee von Kunstmachen – DIE WELT LIEGT MIR ZU FÜSSEN – ich bin stolz auf mich, habe ich doch erreicht was ich wollte!

So, aber nun zurück zu meiner Frage wie verdiene ich als Künstlerin Geld.

Dieses Jahr ist ja, wenn ich jetzt darauf zurückblicke, nicht nur ein erfolgreiches, sondern auch eines in dem ich tatsächlich für meine Verhältnisse gut mit Kunst Geld verdient habe. Was mich natürlich ganz besonders glücklich macht ist dieses Jahr das Staatsstipendium für Bildende Kunst bekommen zu haben, dh man bekommt € 1,400,-€ im Monat, ein Jahr lang. Dh es ist schon mal ein bissi Geld da. So besonders macht es das Ganze natürlich, dass es eine absolut wichtige Bestätigung seitens der Kunstszene in Wien ist, ein so großes Stipendium zu bekommen.

 

 

 

 

 

 

 

ICH TAUCHE AUF
Text 3, August 2022

Wann gehöre ich nur mir selbst. Jetzt, gerade, hier, in unserer neuen Stadtwohnung. Ich sitze am Boden auf einer uralten Isomatte. Bewundere den schönen alten Fischgräteboden, die superhohen Wände, die alten Kastenfenster, es regnet. Es läuft meine Playlist, der Beginn, ‚Ich tauche auf‘ von Tocotronic, feat. Soap and Skin. Ich bin alleine, kann arbeiten, wie genial. Die kids sind 5 Tage mit meiner Mama unterwegs.

Nächste Woche fahre ich für 5 Tage nach Hamburg. Es läuft dort eine Gruppenausstellung ‚Beyond BEYOND‘ ich zeige eine Arbeit mit einer Freundin aus Dresden. ‚THE PRIVATE IS STILL POLITICAL!‘. Ortsspezifisch reagiere ich mit Industriematerialien auf die Architektur im Stillwerk und umkreise die Malereien von URSULA SUSANNE BUCHART. Wie viel Raum hat man als Frau, als Mutter, im Privaten sowie im Öffentlichen. Mein von allen akzeptierter Rückzugsort in meinem privatem Umfeld, ist die Badewanne. „Mama liegt in der Badewanne!“ – oh das bedeutet sie braucht jetzt Zeit für sich, ist am Lesen. Sie will in Ruhe gelassen werden.

In der Küche bin ich stets von allen umgeben, auch im Wohnzimmer, ebenso im Garten, im Vorzimmer – und auch stets für alle da. Ich bin da zum Kochen, zum Plaudern, zum Organisieren von Terminen, zum Koordinieren, zum Hausaufgabe machen, zum Wäsche finden, zum seelischen Beistand, für alle emotionalen Belangen. 24h am Tag. Wenn ich im Atelier bin, bin ich physisch abwesend aber jederzeit erreichbar. Ebenso wenn ich am Unterrichten bin. Es gibt wenige Termine, bei denen ich vorher in unserer Familywhatsappgruppe ankündige „Ich habe jetzt einen Termin, bei dem ich nicht erreichbar bin“.

ARCHITEKTUR ist so ein großer Begriff, jetzt bin ich beim Begriff RAUM angekommen und erforsche was es mit diesem Begriff auf sich hat.

Im künstlerischen/wissenschaftlichen/sozialem/psychologischen/politischem Kontext.

Vorm Urlaub war ich so leer und ausgebrannt, dass ich bei einem Gespräch mit meiner Freundin MICHA WILLE, eine großartige Malerin, die mich immer gut anstupst, weiterbringt, intellektuell herausfordert, motiviert – keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte warum ich mache was ich mache. LEER, kraftlos, durchsichtig, nicht vorhanden.

Eineinhalb Wochen im Urlaub habe ich gebraucht, um mich wieder zu spüren. Es waren sehr schöne Tage, unterwegs in Italien, super Essen, schöne Hotels, entspannte Zeit. Kaum ein Streiten mit den Kindern, zwischen den Kindern. Einfach nur sein. Unterwegs sein. Im Ausland, wie schön. Andere Sprache! Italienisch, wie sehr ich dies Sprache liebe, wie sie klingt, la melodia, che mi piace. Endlich wieder am Meer sein, liegen, Sonne, es ist heiß. Langsam kam sie wieder die Kraft, mein Körper, mein Geist richtete sich wieder auf. Ich kam wieder zu mir.

Ab und zu checkte ich meine Mails, die Ausstellung in Hamburg lief, es gab ein paar Dinge zu klären.

Eine weitere Ausstellungseinladung kam. Im Ausland, wieder Hamburg und Berlin – echt jetzt. Berlin? Wie geil ist das denn!

Schön, es geht um das Thema Raum. „Der Raum ist nicht nur kunstgeschichtlich Voraussetzung und Rahmen für künstlerische Betätigung, sondern vor allem auch kulturell, geopolitisch und soziologisch. Die Wandlungsprozesse der letzten Jahre – Digitalisierung, Corona-Pandemie, Klimawandel – und auch die akute Krise des Kriegs in der Ukraine haben den Begriff zusätzlich aufgeladen. Lebensraum, Stadtraum, Wohnraum, Bildraum und digitaler Raum sind nur einige Aspekte dieser Auseinandersetzung. Die Ausstellung BEYOND SPACE widmet sich daher den Fragen “Was ist Raum? Welche Machtprozesse gestalten Raum? Und in welchem Verhältnis stehen wir dazu?” (Anna Schwab, MeetFrida) – und ich bin dazu eingeladen, echt jetzt, ahja stimmt ich beschäftige mich ja mit Raum! Wow, ich bin diejenige die da dazu passt!! Ich liebe es was ich tue!

Ich überlege was ich dort zeigen kann, habe ich überhaupt Arbeiten? Sind sie gut genug, bin ich sicher bei der Auswahl dabei oder ist das ein open call. Einer von vielen – eine von so vielen Einreichungen, viele werden abgelehnt. Förderungen werden abgelehnt, grundlos, eben nicht innovativ genug, ahja.

So schicke ich also eine Auswahl an Arbeiten aus denen kuratiert wird. Moment mal, ich habe doch genug Arbeiten, viele sogar, super Arbeiten. Ein Lächeln entwischt mir, ein Hauch von Stolz! Das habe ich die letzten Jahre gemacht, wow! Ganz schön viel. 2023 habe ich mir vorgenommen einen Katalog zu produzieren. Wenn ich aber genauer darüber nachdenke, macht es wohl mehr Sinn eine Publikation zum Staatsstipendium zu machen – und eine Ausstellung.

Schon ziemlich verplant das nächste Jahr, ziemlich cool!

Berlin also, ach da muss ich dann aber echt hinfahren. Geht sich das aus, Solo Show in der Villa Tugendhat, Eröffnung und am nächsten Tag weiter nach Berlin, yes i want it.

MICHA interessiert das jemanden, was ich da schreibe?

Ich liebe und hasse Instagram. Mehr lieben aber auch hassen. Es ist so wahnsinnig inspirierend, von Menschen und ihren Werken, ihrem Können was zu sehen, zu lesen! Menschen kennen zu lernen, sie anschreiben, das würde ich mich vermutlich sonst nicht trauen. Insta machts möglich. Über Insta habe ich Bernadette Kreijs kennengelernt. Ich war beeindruckt von ihrer Arbeit, ihrem Thema. Sie hat gerade ihre Dissertation fertig geschrieben „Architektur als Bild – Das Bild des Wohnens. Über die (Re) Produktion von digitalen Wohnbildwelten auf Plattformen wie Instagram und die Suche nach gegenhegemonialen Bildern des Wohnens.“ So beeindruckend und spannend, sie ist Architektin und Forscherin und derzeit am Forschungsbereich Wohnbau und Entwerfen an der TU Wien tätig.

Ich habe sie zu mir ins Atelier eingeladen, wir waren beide ganz aufgeregt. Sie fand meine Arbeit so interessant, wirklich Spannendes hat sie dazu gesagt, am liebsten hätte ich mitgeschrieben, aber das ist ja auch peinlich. Zum Beispiel über meine Farben, dass sie diese so großartig findet, da sie einer ganz speziellen Palette entsprechen, überhaupt meine Ästhetik, dass sie so gut eintauchen kann in meine Installationen. Dass es so schöne gute Arbeiten sind, aber auch unterlegt mit Theorie, politisch. All diese interessanten Projekte die ich in den letzten Jahren gemacht hab – ich war ganz gerührt, dass sie das alles so toll fand.

Es tat unglaublich gut von jemanden dessen Arbeit man so schätzt so viel Lob zu bekommen, sich auszutauschen, sich gegenseitig zu bestätigen! Kurz musste ich überlegen ob ich ihr denn von meinen Kindern erzählen sollte, oder ob sie mich dann wohl weniger interessant findet. Ha! Sie hat auch Kinder – ahja, auch da konnten wir einiges berichten, wie anstrengend, schwierig es sei, Karriere mit Kinder voranzutreiben. Sie ist für einige Monate quasi in den Keller gezogen, um ihre Dissertation ungestört fertig zu schreiben.

Aber da ist dann das Instagram, dass das ganze Leben nur glossy, stylisch, easy, schön, gut, einfach zeigt. Eben so, wie es ja, wenn, dann in nur ganz kurzen Momentaufnahmen ist.

So und wie berichte ich dann von meinen Highlights, wo ich so glücklich bin, motiviert jedem davon erzählen will, was ich alles gerade schön und berührend finde – UND aber auch von den vielen vielen Stunden der Verzweiflung, den vielen Enttäuschungen, den Momenten in denen es einem nicht gut geht und eben nicht alles nur easy ist. Ich bin Künstlerin, gerade deswegen muss/möchte ich doch mehr erzählen, es muss ja nicht alles sein – aber eben so wie es sich für mich anfühlt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

DIE ERSCHÖPFUNG DER FRAUEN – SPACE INTERPRETATION
TEXT 2, Februar 2022

Meine große Einzelausstellung ‚I guess it’s my life!‘ im Kunstraum Nestroyhof habe ich erfolgreich abgebaut. Ich war froh darüber aber auch ein bissi wehmütig. Die vielen Gespräche nahmen ganz schön viel Raum ein. Ich wurde bestätigt, ermuntert, überrascht, motiviert, gelobt, bewundert, angestachelt. Die Aufmerksamkeit, die ich dadurch bekam, war gut, die große Wand, der ganze Raum, beeindruckte. Außerdem kam zur gleichen Zeit die Info, dass ich für das Jahr 2022 das Staatsstipendium für bildende Kunst bekam. Das war schon fett. Jetzt sind die Arbeiten wieder im Atelier, eine davon eingepackt, eigentlich die Beste fand ich, oder die Luftigste. Sie war sozusagen bereits vor der Ausstellung reserviert, jetzt zieht sie bald um. Ich freue mich ziemlich. Eine zweite Arbeit wurde besonders gemocht, um nicht zu sagen begeistert betrachtet, vielleicht wird das ja was.

Die Gespräche über die Arbeiten waren sehr unterschiedlich, meist gingen sie in die Tiefe. Private Themen wurden aufgegriffen, Galeristen haben die besten Arbeiten gekürt, Freundschaften wurden analysiert, Ausstellungsarchitekturen verglichen. Beim Talk mit Patricia Grzonka, sie ist Kunst- und Architekturkritikerin und -historikerin, war ich ziemlich aufgeregt. Ich dachte was, wenn ich auf eine Frage keine Antwort weiß, oder die Frage nicht verstehe, oder den Faden verliere, abdrifte in eine Ecke, aus der ich nicht mehr raus komme. Schon bei der ersten Ausstellungsbesichtigung von ihr mit Carola Dertnig wusste ich, sie dachte, das ist zu wenig. In dem Moment, nein auch schon kurz davor wusste ich es ebenso, konnte es aber nicht zuordnen. Ich war doch so beglückt und froh diese Wand geschafft zu haben, diesen Raum nur mit meinen Arbeiten zu bespielen. Doch es fehlte was. Ich konnte es nicht orten. All das was ich für diese Ausstellung recherchiert habe, und der Beginn liegt lange zurück, 2020 wurde ich eingeladen, war weit weg, unstrukturiert und chaotisch. Ich habe doch so viel gelesen, notiert, zusammengetragen.

Ich wanke zwischen es gibt soviel zu sagen, muss meine Meinung äußern, warum sagt denn keiner was, ja ich bin Feministin, ja ich bin Künstlerin, ja ich bin Mutter und das alles geht mir wahnsinnig auf die Nerven ich will einfach in Ruhe arbeiten, das hat doch alles nichts mit meiner Arbeit zu tun, ich will einfach Malerin sein und mich mit Farbe mischen, Komposition, Linien, Flächen, geometrischen Formen, wegwaschen, pampig, transparent, luftig, sensibel und poetisch, beschäftigen.

Dann will ich allerdings darüber schreiben, denn ich habe was zu sagen, ich will hören was ihr dazu denkt, wie kann man den eigenen Raum ergreifen und nutzen. So viele großartige Bücher gibt es die ich noch nicht gelesen habe. Jetzt endlich aber mal DIE ERSCHÖPFUNG DER FRAU, von Franziska Schutzbach. Wie fantastisch, so gut beobachtet, aufgenommen, wiedergegeben, geklärt – beim Namen nennen.

„Die Erschöpfung der Frauen ein selbstverständlicher Aspekt weiblicher Lebensrealität ist. Frauen können heute berufstätig sein, Karriere machen, in die Politik gehen, sie könne Sex mit verschiedenen PartnerInnen haben und ein emanzipiertes Leben führen. Die Politologin Katharina Debus spricht von einer Allzuständigkeit der Frauen. Denn neben den emanzipierten Rollenbildern sind auch die traditionellen Erwartungen unhinterfragt wirksam. Kein Mensch kann all diesen Erwartungen gleichzeitig entsprechen, und ihre Widersprüchlichkeit führt zur Überforderung, Erschöpfung und einer dauernden Angst vor dem Scheitern. Der Kulturwissenschaftlerin Angela McRobbie zufolge hat sich die Emanzipation ein Stück weit in eine Fratze verwandelt: Was wir heute unter Frauenemanzipation verstehen – ökonomisch unabhängig, erfolgreich, leistungsstark, selbst bestimmt, individuell -, ist nicht nur für die meisten Frauen kaum zu erreichen, es ist vor allem nicht kompatibel mit dem, was sich trotz allem nicht verändert: dass sie ständig verfügbar sein sollen für die Bedürfnisse anderer, für emotionale Arbeit, Hausarbeit, Pflege, Beziehung; für die Herstellung von Harmonie, Gemütlichkeit und Glück, dafür, dass andere sich von der harten Welt erholen können. Diese Buch ist aus einem langwierigen Bestreben heraus entstanden, feministisches intersektionales Wissen und Forschung in die Gesellschaft hineinzutragen.

„Ich habe halt dieses Leben, das ist per Zufall so entstanden“, „Ich habe einfach falsche Entscheidungen getroffen“ – Die Erschöpfung, die viele spüren, ist aber nicht das Unvermögen von Einzelnen. Zu erkennen, dass es eine politische, ökonomische und kulturelle Systematik gibt, war schon immer die Grundlage, auf der Frauen sich ermächtigt haben, Widerstand zu leisten und gegen ihre Verfügbarkeit aufzubegehren, für ihre Emanzipation zu kämpfen. Der Ausschluss der Frauen beginnt zunächst damit, dass die Geschichte der Menschheit bis heute überwiegend als Männergeschichte erzählt wird. Weiße, heterosexuelle cis Männer sind die Protagonisten in der vorherrschenden Geschichtsschreibung, was sie tun, gilt als ‚geschichtsrelevant‘. Das führt unter anderem dazu, dass Frauen (und viele andere) ihre Erfahrungen und ihr Handeln oft nicht in historisch Entwicklungen einordnen, sondern als rein individuelle zufällig entstandene Biografie deuten. Diese Geschichtslosigkeit bewirkt, dass Frauen nicht nur ihren Beitrag zur Geschichte nicht erkennen, sondern ihr Leben oft als etwas wahrnehmen, das jenseits des Politischen, jenseits der ‚wichtigen‘ und ‚bedeutsamen‘ Dinge abläuft und dessen Bedeutung wenn, dann rein aufs Private begrenzt bleibt.“

Wie sehr sie mich da anspricht, wie erleichternd das ist zu wissen, dass es nicht um mein persönliches Einzelschicksal geht.

„Die relevante Frage dabei ist nicht, welche individuelle Maßnahmen wir gegen die Erschöpfung ergreifen können, sondern vielmehr, wie wir an der Anerkennung dieser Erfahrung arbeiten können. Und wie dies zu einem Ausgangspunkt für politisches Handeln werden kann.“

Darüber muss präzise gesprochen, diskutiert, verhandelt werden und zu einem gesellschaftspolitschen und feministischen Thema gemacht werden.

Das Buch muss unbedingt gelesen werden, auch von Männern. Die Frage ist wie bekommt man sie dazu. Erschöpfende Frauen törnen ab, wer will dazu schon was hören. Ich will auch nicht erschöpfend daher kommen. Lustig, gut drauf, taff, interessant, fesch, fresh, erfolgreich will man doch sein.

Am Wochenende war ich in Brno, die Villa Tugendhat von MIES VAN DER ROHE anschauen. Alle schwärmen von Brno, interessante Architektur, funktionalistische Bauten, Werkbundsiedlung, internationaler Aufschwung, Residencies, viele KuratorInnen, sympathische Stadt, so nahe an Wien. Anne Glassner eine Künstlerfreundin machte dort eine Residency, und stellte im Ausstellungsraum in der Villa aus. Ob mich das denn interessiere, sie habe an mich gedacht. Ein unkompliziertes spontanes Treffen im Atelier, die Kuratorin Neli Hejkalovà super nett, motiviert, interessiert. Ein paar Monate später die Anfrage auf Space Interpretation.

Die Führungen sind Monate im Vorhinein ausgebucht. Der Eingangsbereich draußen schon so schön, klar strukturiert. Innen dominieren Marmor und Holz, klare Linien, proportional mit großen Flächen, beeindruckenden Details. Man kann sich nicht satt sehen.

Die Schlafräume, mit einem View so malerisch, dass man da schon am liebsten den ganzen Tag verweilen will. Doch alles übertraf die Living Area, ich konnte es nicht fassen, ich war überwältigt. Wusste nicht wo ich zuerst hin sollte, mit gierigem Blick versuchte ich alles so intensiv wie möglich, mit allergrößten Aufmerksamkeit aufzunehmen. Welch Schönheit.

Ich war sprachlos.

MENTAL LOAD – WARSAW
Text 1 Dezember 2021

WARSAW hat mich eingeladen mit der polnischen Künstler*in Katarzina Przezwanska im österreichischen Kulturinstitut auszustellen. In vier Wochen soll bereits die Vernissage sein. Gut, etwas knapp, aber doch aufregend. Ich sage zu. Der Transport meiner Werke, die bereits existiert haben, wird organisiert, ein Hotel empfohlen, mit Flug gebucht. Ich liebe es zu fliegen. Die Situation am Flughafen entspannt mich derart, da habe ich dann plötzlich Zeit, für mich, zum Lesen. Zum Schauen. Zum Denken.

Meine Lieblingsbuchhandlung in Wien, Walther König im MQ besuche ich noch bevor ich zum Flughafen fahre. Sicher ist sicher, vielleicht finde ich noch was. 2 Bücher sind im Koffer. Die Architekturabteilung ist genial. Etliche Bücher über RAUM besitze ich bereits, Marc Augé NICHT-ORTE ist großartig. FEMINIST CITY, Leslie Kern…….eine feministische Stadt ist eine Stadt, für die man bereit sein muss zu kämpfen! Hm ….kämpfen muss man eh für Alles! Oder fast! Ich kaufe es. UND die Sonderausgabe vom Art Magazin ‚Design für morgen – die ewige Suche nach der richtigen Form und dem guten Leben!‘

Die S-Bahn Richtung Wolfsthal/Flughafen! Ein Salat vom Jamie’s Deli, ein Zeitschriftenladen. Ich sehe am Cover vom PREMIUM trend ‚Die 100 besten Künstler*innen Österreichs‘ und ärgere mich. Ich schaue die Liste durch in der Hoffnung doch dabei zu sein. Ich finde mich nicht und kaufe das Heft, für die Entspannung danach das Magazin von emotion ‚slow – Mehr Zeit fürs Wesentliche‘.

Der Flug war gut. Mein dritter Flug heuer.

Ich baue die Ausstellung auf und gehe zurück zum Hotel arbeiten. Mein Arbeitsplatz Bett, Laptop, Bücher, Kalender, 2 Dosen Bier, Nüsse.

Den ersten Podcast den ich mir anhöre ist ‚GROSSE TÖCHTER von Beatrice Frasl‘ im Gespräch mit der Soziologin Laura Wiesböck. Ich habe von dem Podcast gelesen und wollte ihn bei nächster Gelegenheit hören. Beim letzten Flug waren die aufgesparten Folgen ‚Frauenfragen von Mari Lang‘ an der Reihe. Das Gespräch ist unfassbar spannend, wie gut sich beide auskennen, welch genaue Beobachtungen sie anstellen, wie eloquent, kritisch, sprachgewandt, und symphatisch.

Mit LAURA WIESBÖCK will ich ein Gespräch führen.

‚Habe ich dir schon von dem genialen Buch ‚Raus aus der MENTAL LOAD FALLE‘ erzählt, kennst du das, kennst du den Begriff?‘ ja ich kenne das Buch, hab es nicht gelesen, JA!!!!!!!! ich kenne den Begriff.

Ich muss darüber schreiben.

 

 

 

Exhibition HIDE AND SEEK SHOW AND TELL, Kunstraum am Schauplatz, Vienna, curated by Georgia Holz, 2020
HIDE AND SEEK SHOW AND TELL, Georgia Holz

Exhibition A POOL FULL OF YELLOW, in_conversation_with Katharina Wendler, Petra Gell & Franziska Degendorfer, basement, Vienna 2020
A POOL FULL OF YELLOW, Katharina Wendler
Exhibition How to make a bee line, curated by Christine Bruckbauer, philomen+, Vienna 2019,
How to make a bee line, philomena+, Christine Bruckbauer

Interview artfridge by Anna-Lena Werner
http://www.artfridge.de/2018/12/interview-petra-gell.html

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