DIE ERSCHÖPFUNG DER FRAUEN – SPACE INTERPRETATION
TEXT 2, Februar 2022

Meine große Einzelausstellung ‚I guess it’s my life!‘ im Kunstraum Nestroyhof habe ich erfolgreich abgebaut. Ich war froh darüber aber auch ein bissi wehmütig. Die vielen Gespräche nahmen ganz schön viel Raum ein. Ich wurde bestätigt, ermuntert, überrascht, motiviert, gelobt, bewundert, angestachelt. Die Aufmerksamkeit, die ich dadurch bekam, war gut, die große Wand, der ganze Raum, beeindruckte. Außerdem kam zur gleichen Zeit die Info, dass ich für das Jahr 2022 das Staatsstipendium für bildende Kunst bekam. Das war schon fett. Jetzt sind die Arbeiten wieder im Atelier, eine davon eingepackt, eigentlich die Beste fand ich, oder die Luftigste. Sie war sozusagen bereits vor der Ausstellung reserviert, jetzt zieht sie bald um. Ich freue mich ziemlich. Eine zweite Arbeit wurde besonders gemocht, um nicht zu sagen begeistert betrachtet, vielleicht wird das ja was.

Die Gespräche über die Arbeiten waren sehr unterschiedlich, meist gingen sie in die Tiefe. Private Themen wurden aufgegriffen, Galeristen haben die besten Arbeiten gekürt, Freundschaften wurden analysiert, Ausstellungsarchitekturen verglichen. Beim Talk mit Patricia Grzonka, sie ist Kunst- und Architekturkritikerin und -historikerin, war ich ziemlich aufgeregt. Ich dachte was, wenn ich auf eine Frage keine Antwort weiß, oder die Frage nicht verstehe, oder den Faden verliere, abdrifte in eine Ecke, aus der ich nicht mehr raus komme. Schon bei der ersten Ausstellungsbesichtigung von ihr mit Carola Dertnig wusste ich, sie dachte, das ist zu wenig. In dem Moment, nein auch schon kurz davor wusste ich es ebenso, konnte es aber nicht zuordnen. Ich war doch so beglückt und froh diese Wand geschafft zu haben, diesen Raum nur mit meinen Arbeiten zu bespielen. Doch es fehlte was. Ich konnte es nicht orten. All das was ich für diese Ausstellung recherchiert habe, und der Beginn liegt lange zurück, 2020 wurde ich eingeladen, war weit weg, unstrukturiert und chaotisch. Ich habe doch so viel gelesen, notiert, zusammengetragen.

Ich wanke zwischen es gibt soviel zu sagen, muss meine Meinung äußern, warum sagt denn keiner was, ja ich bin Feministin, ja ich bin Künstlerin, ja ich bin Mutter und das alles geht mir wahnsinnig auf die Nerven ich will einfach in Ruhe arbeiten, das hat doch alles nichts mit meiner Arbeit zu tun, ich will einfach Malerin sein und mich mit Farbe mischen, Komposition, Linien, Flächen, geometrischen Formen, wegwaschen, pampig, transparent, luftig, sensibel und poetisch, beschäftigen.

Dann will ich allerdings darüber schreiben, denn ich habe was zu sagen, ich will hören was ihr dazu denkt, wie kann man den eigenen Raum ergreifen und nutzen. So viele großartige Bücher gibt es die ich noch nicht gelesen habe. Jetzt endlich aber mal DIE ERSCHÖPFUNG DER FRAU, von Franziska Schutzbach. Wie fantastisch, so gut beobachtet, aufgenommen, wiedergegeben, geklärt – beim Namen nennen.

„Die Erschöpfung der Frauen ein selbstverständlicher Aspekt weiblicher Lebensrealität ist. Frauen können heute berufstätig sein, Karriere machen, in die Politik gehen, sie könne Sex mit verschiedenen PartnerInnen haben und ein emanzipiertes Leben führen. Die Politologin Katharina Debus spricht von einer Allzuständigkeit der Frauen. Denn neben den emanzipierten Rollenbildern sind auch die traditionellen Erwartungen unhinterfragt wirksam. Kein Mensch kann all diesen Erwartungen gleichzeitig entsprechen, und ihre Widersprüchlichkeit führt zur Überforderung, Erschöpfung und einer dauernden Angst vor dem Scheitern. Der Kulturwissenschaftlerin Angela McRobbie zufolge hat sich die Emanzipation ein Stück weit in eine Fratze verwandelt: Was wir heute unter Frauenemanzipation verstehen – ökonomisch unabhängig, erfolgreich, leistungsstark, selbst bestimmt, individuell -, ist nicht nur für die meisten Frauen kaum zu erreichen, es ist vor allem nicht kompatibel mit dem, was sich trotz allem nicht verändert: dass sie ständig verfügbar sein sollen für die Bedürfnisse anderer, für emotionale Arbeit, Hausarbeit, Pflege, Beziehung; für die Herstellung von Harmonie, Gemütlichkeit und Glück, dafür, dass andere sich von der harten Welt erholen können. Diese Buch ist aus einem langwierigen Bestreben heraus entstanden, feministisches intersektionales Wissen und Forschung in die Gesellschaft hineinzutragen.

„Ich habe halt dieses Leben, das ist per Zufall so entstanden“, „Ich habe einfach falsche Entscheidungen getroffen“ – Die Erschöpfung, die viele spüren, ist aber nicht das Unvermögen von Einzelnen. Zu erkennen, dass es eine politische, ökonomische und kulturelle Systematik gibt, war schon immer die Grundlage, auf der Frauen sich ermächtigt haben, Widerstand zu leisten und gegen ihre Verfügbarkeit aufzubegehren, für ihre Emanzipation zu kämpfen. Der Ausschluss der Frauen beginnt zunächst damit, dass die Geschichte der Menschheit bis heute überwiegend als Männergeschichte erzählt wird. Weiße, heterosexuelle cis Männer sind die Protagonisten in der vorherrschenden Geschichtsschreibung, was sie tun, gilt als ‚geschichtsrelevant‘. Das führt unter anderem dazu, dass Frauen (und viele andere) ihre Erfahrungen und ihr Handeln oft nicht in historisch Entwicklungen einordnen, sondern als rein individuelle zufällig entstandene Biografie deuten. Diese Geschichtslosigkeit bewirkt, dass Frauen nicht nur ihren Beitrag zur Geschichte nicht erkennen, sondern ihr Leben oft als etwas wahrnehmen, das jenseits des Politischen, jenseits der ‚wichtigen‘ und ‚bedeutsamen‘ Dinge abläuft und dessen Bedeutung wenn, dann rein aufs Private begrenzt bleibt.“

Wie sehr sie mich da anspricht, wie erleichternd das ist zu wissen, dass es nicht um mein persönliches Einzelschicksal geht.

„Die relevante Frage dabei ist nicht, welche individuelle Maßnahmen wir gegen die Erschöpfung ergreifen können, sondern vielmehr, wie wir an der Anerkennung dieser Erfahrung arbeiten können. Und wie dies zu einem Ausgangspunkt für politisches Handeln werden kann.“

Darüber muss präzise gesprochen, diskutiert, verhandelt werden und zu einem gesellschaftspolitschen und feministischen Thema gemacht werden.

Das Buch muss unbedingt gelesen werden, auch von Männern. Die Frage ist wie bekommt man sie dazu. Erschöpfende Frauen törnen ab, wer will dazu schon was hören. Ich will auch nicht erschöpfend daher kommen. Lustig, gut drauf, taff, interessant, fesch, fresh, erfolgreich will man doch sein.

Am Wochenende war ich in Brno, die Villa Tugendhat von MIES VAN DER ROHE anschauen. Alle schwärmen von Brno, interessante Architektur, funktionalistische Bauten, Werkbundsiedlung, internationaler Aufschwung, Residencies, viele KuratorInnen, sympathische Stadt, so nahe an Wien. Anne Glassner eine Künstlerfreundin machte dort eine Residency, und stellte im Ausstellungsraum in der Villa aus. Ob mich das denn interessiere, sie habe an mich gedacht. Ein unkompliziertes spontanes Treffen im Atelier, die Kuratorin Neli Hejkalovà super nett, motiviert, interessiert. Ein paar Monate später die Anfrage auf Space Interpretation.

Die Führungen sind Monate im Vorhinein ausgebucht. Der Eingangsbereich draußen schon so schön, klar strukturiert. Innen dominieren Marmor und Holz, klare Linien, proportional mit großen Flächen, beeindruckenden Details. Man kann sich nicht satt sehen.

Die Schlafräume, mit einem View so malerisch, dass man da schon am liebsten den ganzen Tag verweilen will. Doch alles übertraf die Living Area, ich konnte es nicht fassen, ich war überwältigt. Wusste nicht wo ich zuerst hin sollte, mit gierigem Blick versuchte ich alles so intensiv wie möglich, mit allergrößten Aufmerksamkeit aufzunehmen. Welch Schönheit.

Ich war sprachlos.

MENTAL LOAD – WARSAW
Text 1 Dezember 2021

WARSAW hat mich eingeladen mit der polnischen Künstler*in Katarzina Przezwanska im österreichischen Kulturinstitut auszustellen. In vier Wochen soll bereits die Vernissage sein. Gut, etwas knapp, aber doch aufregend. Ich sage zu. Der Transport meiner Werke, die bereits existiert haben, wird organisiert, ein Hotel empfohlen, mit Flug gebucht. Ich liebe es zu fliegen. Die Situation am Flughafen entspannt mich derart, da habe ich dann plötzlich Zeit, für mich, zum Lesen. Zum Schauen. Zum Denken.

Meine Lieblingsbuchhandlung in Wien, Walther König im MQ besuche ich noch bevor ich zum Flughafen fahre. Sicher ist sicher, vielleicht finde ich noch was. 2 Bücher sind im Koffer. Die Architekturabteilung ist genial. Etliche Bücher über RAUM besitze ich bereits, Marc Augé NICHT-ORTE ist großartig. FEMINIST CITY, Leslie Kern…….eine feministische Stadt ist eine Stadt, für die man bereit sein muss zu kämpfen! Hm ….kämpfen muss man eh für Alles! Oder fast! Ich kaufe es. UND die Sonderausgabe vom Art Magazin ‚Design für morgen – die ewige Suche nach der richtigen Form und dem guten Leben!‘

Die S-Bahn Richtung Wolfsthal/Flughafen! Ein Salat vom Jamie’s Deli, ein Zeitschriftenladen. Ich sehe am Cover vom PREMIUM trend ‚Die 100 besten Künstler*innen Österreichs‘ und ärgere mich. Ich schaue die Liste durch in der Hoffnung doch dabei zu sein. Ich finde mich nicht und kaufe das Heft, für die Entspannung danach das Magazin von emotion ‚slow – Mehr Zeit fürs Wesentliche‘.

Der Flug war gut. Mein dritter Flug heuer.

Ich baue die Ausstellung auf und gehe zurück zum Hotel arbeiten. Mein Arbeitsplatz Bett, Laptop, Bücher, Kalender, 2 Dosen Bier, Nüsse.

Den ersten Podcast den ich mir anhöre ist ‚GROSSE TÖCHTER von Beatrice Frasl‘ im Gespräch mit der Soziologin Laura Wiesböck. Ich habe von dem Podcast gelesen und wollte ihn bei nächster Gelegenheit hören. Beim letzten Flug waren die aufgesparten Folgen ‚Frauenfragen von Mari Lang‘ an der Reihe. Das Gespräch ist unfassbar spannend, wie gut sich beide auskennen, welch genaue Beobachtungen sie anstellen, wie eloquent, kritisch, sprachgewandt, und symphatisch.

Mit LAURA WIESBÖCK will ich ein Gespräch führen.

‚Habe ich dir schon von dem genialen Buch ‚Raus aus der MENTAL LOAD FALLE‘ erzählt, kennst du das, kennst du den Begriff?‘ ja ich kenne das Buch, hab es nicht gelesen, JA!!!!!!!! ich kenne den Begriff.

Ich muss darüber schreiben.

 

 

 

Exhibition HIDE AND SEEK SHOW AND TELL, Kunstraum am Schauplatz, Vienna, curated by Georgia Holz, 2020
HIDE AND SEEK SHOW AND TELL, Georgia Holz

Exhibition A POOL FULL OF YELLOW, in_conversation_with Katharina Wendler, Petra Gell & Franziska Degendorfer, basement, Vienna 2020
A POOL FULL OF YELLOW, Katharina Wendler
Exhibition How to make a bee line, curated by Christine Bruckbauer, philomen+, Vienna 2019,
How to make a bee line, philomena+, Christine Bruckbauer

Interview artfridge by Anna-Lena Werner
http://www.artfridge.de/2018/12/interview-petra-gell.html

herbststimmung